Flüsterpost aus Parma,
eine Studie über die Vermittlung.

Wie es wirklich in Parma aussieht, weiß ich nicht. Ich bin nie dort gewesen. Auch Fotos der italienischen Stadt im Süden Europas habe ich noch nicht gesehen. Jedenfalls nicht bewußt. Und trotzdem ist in den letzten sechs Monaten in mir ein Bild von Parma gewachsen, genauer gesagt vom Baptisterium in Parma, einer Taufkapelle, die Benedetto Antelani im 13. Jahrhundert erbaut hat. Stück für Stück hat sich das Bild in meinem Inneren zusammengesetzt,30 e-mails, die alle in meinem Coumputer gespeichert sind. Angefangen hat es, als ich im Dezember 1999 in Brasilien war, mit einer Radierung und einem T-Shirt.

„Die Idee ist folgende“, erklärt mir Maria Tomaselli in ihrem Atelier in Porto Alegre. „Ich war in Parma, Márcia noch nicht.“ Márcia Cirne, erfahre ich, ist wie Maria bildende Künstlerin und lebt in Sao Paolo. Das Ganze läuft dann wie ein Spiel, das sich Flüsterpost nennt. Es geht so: Ein Spielleiter flüstert seinem Nachbarn einen kurzen Satz ins Ohr, den dieser ohne Rückfrage weitergeben muß, wie er ihn verstanden hat. Der Satz wandert von Nachbar zu Nachbar, bis er wieder beim Spielleiter ankommt.

Spielleiterin im Projekt „Parma“ ist Maria Tomaselli. Sie hat das Baptisterium von Parma gesehen und in einem kleinen Reiseführer, den sie vor der Taufkapelle gekauft hat, etwas Faszinierendes gelesen: Antelami hat sich sehr fuer die letzten Entwicklungen der Kunstszene in Frankreich interessiert, aber da er selber nie dort war, hat er die Neuigkeiten indirekt aus Beschreibungen und Skizzen erhalten und sie in seinem Baptisterium verarbeitet. Diese Theorie vertreten Kunstkritker wie Sauerlander, Frugoni, Romano, Fiaccadori. Aus disem kleinen, nebenbei gesagten Satz entstand dann Marias Idee der Flüsterpost aus Parma: Sie malt ein Bild des Baptisteriums von Parma für Márcia. Das heißt, da beide Künstlerinnen an verschiedenen Orten wohnen, schickt Maria Tomaselli ihr Bild von Parma via Internet an Márcia Cirne, die die Botschaft in ein eigenes Bild verwandelt. Ihre Interpretation des Baptisteriums kommt wieder zurück zu Maria, die wieder etwas Neues daraus macht. Und so weiter. Bis zum Schluß alle Versionen in einer Ausstellung gezeigt werden und ein virtuelles Parma entsteht.

Ich darf auch mitflüstern, wenn ich mich an die Spielregel halte: kein Foto von Parma ansehen. Meine erste Post ist die Radierung „Parma“, die mir Maria auf den Weihnachtstisch legt. Ich gebe weiter, was ich sehe: einen runden Turm mit flachem Dach, der wie ein Hochstand weit über der Erde schwebt Der Turm ruht auf vier langen, stelzenartigen Beinen, wodurch sein Eingang, ein schwarz umrandetes, graues Oval, merkwürdig in die Höhe entrückt scheint. Die zweite Flüsterpost ist ein T-Shirt mit dem Aufdruck des „Arquivadors“: ein seltsames Objekt, das wie eine Heuschrecke spindelige Beine von sich streckt. „Der Arquivador ist eine Archivspange, die auf und zu geht“, klärt mich Maria auf als sie mein fragendes Gesicht sieht. Mit diesen Archivspangen wurden in alten Ordnern die Papiere zusammengehalten und damit archiviert. Die Archiveisen, die sie zu Hunderten gefunden hat, erinnern Maria an ihre Kindheit als sie ihrem Vater half, seine Buchhaltung zu machen.

Meine nächste Post kommt von Márcia als ich wieder in Deutschland bin, ein Foto als Attachment zu einem e-mail. Das Gebilde auf weißem Untergrund sieht aus wie ein Stalaktit aus einer Tropfsteinhöhle, dessen Zapfen spitz nach unten auslaufen. Der obere Teil verdichtet sich zu einer Art Krone, die geheimnisvoll im Nebel verschwindet. Später beschreibt Márcia ihre Technik, auf englisch, unserer Metasprache: „The draw is made with a hot iron“, so daß sich das Bild aus vielen kleinsten Löchern zusammensetzt. Die Konstruktion hat sie auf ein durchsichtiges Tuch projiziert, das sie Schweißtuch nennt. Langsam, beim zweiten Hinsehen, erkenne ich Marias Baptisterium, dessen Umrisse auf dem weißen Tuch abgedruckt sind wie Christus Gesicht auf dem Schweißtuch der Veronika. Der ursprüngliche Turm hat jetzt sakralen Charakter bekommen.

1. Mai 2000. Maria schickt mir gleich 10 Bilder, die ich der Reihe nach aufklicken kann. Der „arquivador“ und seine Greifarme führen den Blick von einem Bild zum anderen. Mal ist er als Objekt auf dem Holzrahmen aufgesetzt, mal schwebt er im Bild neben dem Baptisterium und umgreift es mit seinen Spangen. Auf dem fünften Bild erscheint ein schiefer Turm oder ist es ein Kreuz? Rechts von ihm kommt ein Engel vom Himmel gestürzt. Die vorgezeichnete Spur wird ihn wieder links aus dem Bild fliegen lassen, unter dem Kreuz entlang. Die anderen Linien führen weiter zum sechsten und siebten Bild. Real, erfahre ich von Maria, sind in den Bildobjekten bewegliche Teile eingebaut. So ist in einem kleinen Kistchen der Engel von Parma versteckt, in einer anderen Kiste der „arquivador“ auf Leinwand gedruckt und eingerollt. Das alles sind Fundstücke, die Maria Tomaselli in ihre Bilder eingebaut hat. Sie gehören zur Spurensuche auf unserer imaginären Pilgerreise zum Baptisterium von Parma. Im letzten Bild der 10er-Reihe leuchtet mir das Baptisterim entgegen, diesmal greifbar nahe gerückt, die Türe zum Reinschauen geöffnet.

Juni 2000 Márcias „tissues“ sind fertig. Es sind Wolkenbilder, leicht, luftig, nebelartig. Auf allen erscheint das Baptisterium, mehr oder weniger deutlich, mehr oder weniger verschleiert. Bei manchen schimmert ein goldener Untergrund durch, der dem Baptisterium einen würdigen Glanz verleiht. „Ich werde sie direkt an die Wand hängen und Acryl-Boxen darüber setzen“, schreibt Márcia. Eigentlich schade, denn ich stelle mir vor, daß die Tücher wie ein Sammelsurium aus Schmetterlingen oder Engeln um Marias menschenhohe Bronzeskulptur schwirren könnten, dem Baptisterium von Parma zum Anfassen:

Kaum zu glauben, der Koloß steht fest auf vier dünnen Stäben, die Maria auf einen Teller geschweißt hat. Die Hülle ist eine Kraterlandschaft, rundum bespickt mit „arquivadors“. Vom flachen Dach stechen Zacken nach oben. „Noch ein Detail der Skulptur“ ist ein anderes e-mail, in dem ich in die Skulptur hineinschauen kann. Die kleine Tür ist schon geöffnet und macht den Blick frei auf einen Engel, den Engel von Parma: ein Puttchen, prall und sinnlich nah. Das Licht glitzert auf Po, Flügel, Armen und Füssen. Und plötzlich spüre ich, daß Engel heilig sind. Es sind überirdische Wesen von Gott auf die Erde gesandt, um den Menschen seine Botschaften zu überbringen ... Die Vision, die mir Maria geschickt hat, scheint perfekt. Doch dann klingelt mein Telefon.

Juli 2000 Meine imaginäre Reise nach Parma ist zu Ende. Ich klicke noch einmal zurück zu Bild Nummer 9. Das Baptisterium als weißer Turm, daneben der „arquivador“, diesmal in Einzelteilen, also geöffnet. Rechts von ihm sitzt auf einem Eisenstab ein Kopf mit Blick nach rechts aus dem Bild heraus. „Den Keramik-Kopf kann man drehen“, schreibt Maria. „Also kann der Kopf zurückschauen, auf die Geschichte, oder voraus, in die Zukunft.“ Zurück, das waren die vielen Visionen vom Baptisterium von Parma, die noch einmal wie eine Reihe von Postkarten an mir vorüberziehen. Nach vorne, da gibt es für mich eigentlich nur eine Vorstellung: mit Maria und Márcia in Parma sein.

„Parma ist Essgenuss pur“, diesen Artikel habe ich bestimmt nicht zufällig gerade in einer Zeitschrift entdeckt. Das Baptisterium von Parma wird nicht gezeigt. Dafür das „Gran Caffè Orientale“ und die Restaurants „Verdi“, „Salumeria Pasini“, „Rosetta“, wo es scheinbar nicht nur Parmaschinken gibt. Ich sehe zum Beispiel die „Torta Duchessa“ eine Kalorienbombe aus Milchschokolade, Zabaione und körniger Nußcreme und „Tortelli di Zucca“, viereckige Nudeltaschen aus Weizenmehl und Eiern mit einer köstlichen Kürbisfüllung. „Reisende fahren in der Regel an Parma vorbei, immer gleich weiter nach Florenz oder Rom“, schreiben die Journalisten. Nein! Wir drei werden Parma live besuchen, das Baptisterium und die Restaurants.

Susanne Schmidt-Barbo